Ist Responsive Webdesign und „One-fits-all“ wirklich die beste Lösung für Unternehmenswebsites? #nurguteseiten http://www.nurguteseiten.com
re-lounge
Nur gute Seiten

Oliver Schmitt

Oliver Schmitt

ist Geschäftsführer und Gründer der re-lounge GmbH und lebt das Web seit dem Beginn seines Medieninformatikstudiums Mitte der 90er Jahre. Bei re-lounge ist er u.a. für die Strategieberatung der Kunden verantwortlich. Seine Schwerpunkte sind Digitale Trends, Mobile, E-Mail-Marketing, Social Media und Content Management, zu denen er auch als Referent aktiv ist. Oliver twittert unter @oliverschmitt. Privat liebt er neben seiner Familie gute Musik und echte Bücher.



Alle Artikel von
Oliver Schmitt bei Xing, Google+ und Twitter

Viele Unternehmen stehen bei der Mobiloptimierung der eigenen Website und der Idee „Responsive Webdesign“ vor großen Herausforderungen. Manchmal sind diese gar so groß, dass entsprechende Projekte komplett scheitern. Und so ist die Frage durchaus berechtigt, ob Responsive Webdesign wirklich der Königsweg ist.

Gestern war ich Teilnehmer und – gemeinsam mit Daniela Kleck von Manor – Referent beim Internet- und Intranetkongress i2SUMMIT in Zürich. Im Internet-Track der Konferenz war Responsive Webdesign das Kernthema des Kongresses und es zeigte sich einmal mehr, dass alle großen Unternehmen – egal ob in Deutschland oder der Schweiz – bei diesem Thema vor den gleichen Herausforderungen stehen.

Besonders interessant und inspirierend waren für mich die kritischen Stimmen zu Responsive Webdesign – gepaart mit der Frage:

Ist Responsive Webdesign tatsächlich die einzig richtige Antwort auf die Mobiloptimierung von Unternehmenswebsites?

Eine immens spannende Frage für mich, auch vor dem Hintergrund, dass ich „Responsive Webdesign“ an der Hochschule Furtwangen University (HFU) lehre. Vor allem der Vortrag eines sehr großen Schweizer Unternehmens hat mich nachdenklich gemacht.

Schauen wir uns die Ausgangslage dieses Unternehmens an:

Das Unternehmen agiert als „Global Player“ international, sodass es mehr als 50 individuelle Corporate Websites für verschiedene Länder/Märkte in unterschiedlichsten Sprachen gibt. Alle Websites werden dabei über ein zentrales Content Management System (CMS) bewirtschaftet.

Die Notwendigkeit einer Mobiloptimierung wurde von dem Unternehmen bereits vor einigen Jahren erkannt und so wurde sehr früh eine mobile Strategie entwickelt.

Damals waren wir alle noch der Meinung, dass „Mobile“ mit „unterwegs sein“ gleichzusetzen ist. Ein großer Irrtum, wie wir inzwischen wissen. Denn: Smartphones werden heute deutlich häufiger zuhause als unterwegs genutzt. Und damit bestimmt allein der örtliche Kontext nicht das Informationsbedürfnis.

Aber zurück zum „Case“: „Responsive Webdesign“ war noch weit weg und es wurde die Entscheidung getroffen, separate Mobile Websites zu launchen, um auch Smartphone-Nutzer umfänglich mit Services und Informationen zu versorgen. So entstanden aus den mehr als 50 Corporate Websites noch einmal fast so viele mobile Corporate Websites. Diese werden separat im Content Management System (CMS) gepflegt (= doppelte Pflege). Gängige Praxis also und aus heutiger Sicht ein typisches Early-Adopter-Problem.

Das Unternehmen hat nun im vergangenen Jahren ein Projekt gestartet um die eigene Mobile-Strategie auf den Prüfstand zu stellen und dabei für sich erkannt, dass Responsive Design die Lösung aller Probleme sein kann:

Die Idee in Kurzform: Die Desktop-Websites werden „responsive“ und ersetzen dann die mobilen Websites.

Ein mögliches Vorgehen bei der Einführung von Responsive Webdesign #nurguteseiten http://www.nurguteseiten.comSoweit so richtig. Doch in einer solch gewachsenen Struktur sah sich das Unternehmen plötzlich bei der Responsivierung der Desktop-Websites ganz neuen Herausforderungen gegenübergestellt.

So zeigte es sich, dass die bestehenden Desktop-Websites zahlreiche Inhalte umfassen, die nicht mobilfähig sind. Dazu zählen große Tabellen und große Infografiken. Vor allem aber auch unzählige Animationen (zumeist in Adobe Flash) und individuell in HTML programmierte Content-Elemente (die für mehr Flexibilität bewusst durch das CMS erlaubt werden).

Vor allem letztere bereiten die größten Probleme. Denn bei den Animationen und den individuellen Content-Elementen handelt es sich zumeist um markenstützende „Content-Perlen“, die Highlights der jeweiligen Informationsangebote sind (und sicherlich auch den ein oder anderen Schweizer Franken gekostet haben). Verständlich, dass die jeweiligen Content-Owner auf diese Inhalte nach dem Responsive Relaunch nicht verzichten wollen und auch ungern für diese bestehenden Inhalte noch einmal Geld zur Mobiloptimierung in die Hand nehmen möchten.

Um es kurz zu machen: Der Responsive Relaunch ist im Unternehmen an den bestehenden Inhalten und der fehlenden Akzeptanz der Content-Owner gescheitert. Diese nehmen lieber weiterhin die doppelte Pflege und alle daraus entstehenden Nachteile in Kauf.

Was können wir aus diesem Scheitern lernen?

Ich glaube grundsätzlich sind wir uns in Bezug auf den Einsatz von Responsive Webdesign alle in einem Punkt einig: Wenn wir auf der grünen Wiese eine Website komplett neu aufbauen, dann ist derzeit (und sicher auch mittel- und langfristig) „Responsive Webdesign“ der richtige Weg.

Aber wie sieht es aus, wenn gewachsene Websites mobiloptimiert werden sollen?

Meiner Meinung nach ist das Problem kein Problem von „Responsive Webdesign“ oder „Nicht-Responsive-Webdesign“. Es ist viel eher eine Frage nach der richtigen Vorgehensstrategie und der Herausforderung einer langfristigen Content-Strategie.

Das Beispiel zeigt für mich auch den eigentlichen Kern von Responsive Webdesign. Dieser ist nämlich nicht die Technik, also das Zusammenspiel von HTML/Frontend und CMS/Backend. Die Technik ist der Werkzeugkasten, den wir wie selbstverständlich auspacken und einsetzen. Nein. Der Kern ist der Content. Und ich bin wirklich froh darüber, dass uns Responsive Webdesign und Mobiloptimierung endlich an den Punkt bringen, an dem wir merken, dass Websites nicht Inhalte für das eigene Unternehmen produzieren, sondern Inhalte, die für die Nutzerinnen und Nutzer relevant sind. Und da wir alle immer selektiver lesen und immer weniger Aufmerksamkeit und Zeit mitbringen, müssen Websites heute in Bezug auf den Content in erster Linie kurz, aktuell, klar und auf den Punkt sein („weniger ist mehr“).

Jedes Responsive-Projekt, das kann ich auch aus unseren eigenen Erfahrungen sagen, ist individuell und für alle Beteiligten „#Neuland“. Wir konnten noch in keinem neuen Responsive-Projekt das gleiche Vorgehen anwenden, wie in einem vorangegangenen Projekt.

Die Probleme aus dem Unternehmensbeispiel beschäftigen uns deshalb in jedem Projekt von neuem und ich möchte mit diesem Beitrag einige Denkansätze mit Euch teilen.

Die Content-Strategie muss Top-down getrieben sein

Immer, wenn es um Content geht, müssen Sponsoren aus dem Top-Management gewonnen werden. Eine Content-Strategie, die versucht mit einem „Bottom-Up-Ansatz“ zum Erfolg zu kommen, wird zwangsläufig aufgrund fehlender Akzeptanz und unternehmensinterner Politik zerredet.

Stattdessen muss eine Person aus der Geschäftsführung oder dem oberen Management dafür gewonnen werden, die Content-Strategie zur „Chefsache“ zu erklären und allen Beteiligten die Wichtigkeit dieses Themas klar zu machen.

Nur so können weitreichende Umwälzungen im Content von Websites bewältigt werden.

Auch unkonventionelle Ansätze und Ideen zulassen

Der Ansatz des Unternehmens die Desktop-Website responsive werden zu lassen ist sicher richtig und naheliegend. Aber vor dem Hintergrund wertvoller, nicht-mobilfähiger Inhalte möchte ich einen alternativen Ansatz vorstellen.

Aktuell fungieren bei dem Unternehmen die Desktop-Websites quasi als „Master“. D.h. Inhalte werden primär für die Desktop-Websites entwickelt. Im besten Fall gleichzeitig aber meist vermutlich dann doch nachgelagert werden dann die Desktop-Inhalte für die mobilen Websites aufbereitet.

Meine Idee ist: Warum diesen Prozess für neue Inhalte nicht umdrehen? Und vermutlich noch einen Schritt radikaler: Warum nicht die mobilen Websites zum „Master“ werden lassen? Und damit das funktioniert sollte nicht die Desktop-Website responsive werden, sondern die mobile Website sollte responsive werden.

Ein alternatives Vorgehen bei der Einführung von Responsive Webdesign #nurguteseiten http://www.nurguteseiten.com

Klingt verrückt?

Vielleicht. Aber spinnen wir die Idee mal etwas weiter:

Wenn die mobile Website responsive ist und neue Inhalte zunächst für diesen neuen „Master“ erstellt werden, dann entstehen erst einmal auch keine weiteren, neuen Inhalte, die nicht mobilfähig sind.
Für die Content-Owner wird es nach etwas Eingewöhnung selbstverständlich werden Inhalte nach dem „Mobile first“-Ansatz zu erstellen. Und sie werden auch sehen, dass sich nach dem Prinzip des „Progressive Enhancement“ auch wunderbare Content-Perlen für Responsive Websites entwickeln lassen, die sich auch bei Betrachtung auf Desktops besonders entfalten können.

Auch Inhalte sind vergänglich.

Beim Blick auf das ein oder andere Veröffentlichungsdatum in Websites (und besonders auch in Intranets) kaum zu glauben: Auch Inhalte unterliegen einem Lebenszyklus und sind aus kritischer Unternehmenssicht, aber vor allem aus Nutzersicht irgendwann einmal veraltet.

In absehbarer Zeit – schätzungsweise 12 bis 18 Monate – werden die bestehenden Content-Perlen auf der Desktop-Website durch neue Content-Perlen auf der neuen Responsive Website abgelöst sein. Und genau dann ist der richtige Zeitpunkt die letzte Phase des Relaunchs zu starten: Die Desktop-Websites werden abgeschaltet und durch die Responsive Websites abgelöst.

Die Gewinner sind die User

Verlierer der bisherigen Information Architektur des Unternehmens sind vor allem die Nutzerinnen und Nutzer. Denn viele gehen sicherlich im Desktop-Mobile-Website-Dschungel verloren. Desktop-User landen via Google auf der Mobile-Website oder Mobile-User müssen viele Inhalte zähneknirschend in der Desktop-Ansicht betrachten. Positive Markenerfahrung sieht sicher anders aus.

Insofern ist es besonders gut, dass die User mittelfristig mit diesem Ansatz zu den Gewinnern zählen. Denn sie finden nach Einführung der Responsive Websites auf diesen ehemaligen Mobile-Websites alle migrierten und vor allem auch alle neuen Inhalte an einer zentralen Stelle. Und nur für manche, meist ältere Inhalte müssen sie zur Desktop-Website wechseln.

Gewinner sind auch die Content-Redakteure und Content-Owner

Denn: Ein Ende der doppelten Pflege, der doppelten Content-Erstellung und des komplexen URL-Managements ist zumindest mittelfristig in Sicht.

Fazit

Ich glaube fest, dass für Unternehmenswebsites „Responsive Webdesign“ die derzeit beste Antwort auf die Herausforderung der Multidevice-Nutzung darstellt. Und ich glaube dies vor allem auch deshalb, weil uns Responsive Webdesign zu den ursprünglichen Ideen des WWW zurückführt. Denn bereits die ersten Websites waren responsive. HTML wurde bewusst so entwickelt, dass es mit den verschiedensten Auflösungen und Devices betrachtet werden kann. Leider haben wir das aber über viele Jahre hinweg nicht erkannt und uns von unserer Print-Denke und „Es muss überall gleich aussehen“ und „pixelperfekt“ viel zu stark leiten lassen.

Fast wöchentlich werden neue Devices mit neuen Formaten auf den Markt geworfen. Wenn wir für alle diese Devices oder Auflösungen eigene oder adaptierte Angebote und Templates schaffen, werden wir zu wenig Zeit und Budgets haben um den Fokus auf wichtigere Themen wie Inhalte und Nutzerzentrierung zu setzen.

Responsive Webdesign hat aus meiner Sicht deshalb die besten Karten um auch mit Blick auf die Zukunft „future-proof“ zu sein.

Wie sind Eure Erfahrungen und Meinungen zu diesem Thema? Ich würde mich freuen mit Euch darüber zu diskutieren.

Kommentar abgeben

*Pflichtfeld